Weltklasse im Club

Mannheims Meistersaison im Rückblick

Autor: Tobias Becker

Goldener Konfettiregen, Sektdusche und der Queen-Klassiker “We are the champions” - das große Finale einer spannenden, langen, unvergesslichen Saison für den TK Grün-Weiss Mannheim hatte es in sich. Rund 2.000 Zuschauer kamen zum Abschluss auf die heimische Anlage und feierten nicht nur die beiden Publikumslieblinge Björn Phau und Radu Albot, die für einige spektakuläre Ballwechsel auf dem Center Court sorgten, sondern das gesamte Team bei der anschließenden Pokalübergabe. Dass die Doppel gegen Köln nicht ausgetragen und das Spiel somit 2:4 gewertet wurde, spielte nur auf dem Papier eine Rolle.

Der Titelgewinn - sowie auch Kölns Klassenerhalt - standen bereits am Samstag nach dem Unentschieden in Krefeld fest. Zum ersten Mal lagen die Mannheimer in der Saison 2018 nach den Einzeln mit 1:3 zurück. Denn: Zuvor gab Grün-Weiss lediglich eins von 28 Einzeln ab. Doch die zuvor als kleiner “Schwachpunkt” ausgemachten Doppel zeigten, dass sie im Fall der Fälle da sind. Erst verwandelten Daniel Brands und Robin Kern ihren Matchball zum 2:3, dann schlugen Radu Albot und Andreas Beck die Krefelder Kombi Melzer/Collarini ebenfalls in zwei Sätzen - und machten die Meisterschaft perfekt. “Das war eine perfekte Saison für uns”, resümierte Gerald Marzenell, der sichtlich erleichtert und glücklich wirkte.

“Wir haben vom ersten Spieltag an eine Serie gestartet, den wir uns zwar so gewünscht haben, aber nicht vorhersehen konnten”, erinnert sich der Mannheimer Teamchef. Damals in Neuss, beim Aufsteiger, schlug Maximilian Marterer zum ersten Mal für Grün-Weiss auf und gewann. Ein Baustein des 5:1-Sieges in Neuss und wohl die Geschichte des ersten Spieltags aus Mannheimer Sicht. Eine Woche später folgte das erste Doppel-Wochenende - mit zwei Heimspielen. “Es waren schwere und richtungsweisende Spiele gegen Düsseldorf und Halle”, so Marzenell. Auch dazu gab es wieder zwei kleine Anekdoten. Zunächst schien das Heimdebüt von Marterer zum Debakel zu werden, denn gegen Düsseldorfs stark aufspielenden Pedro Sousa verlor Marterer auf dem SAP Center Court den ersten Durchgang 0:6. Marterer: “Da sind viele Menschen und ich hatte das Gefühl, dass ich verpflichtet bin, gut zu spielen. Ich denke, ich habe mich unglaublich rein gekämpft.” Und Mannheims Neuer gewann das Spiel und legte wieder den Grundstein zum 5:1-Sieg.

Nur zwei Tage später war der Deutsche Meister 2017 zu Gast: Gerry Weber Team BW Halle. nach der äußerst bitteren Niederlage im Jahr zuvor, standen die Zeichen nach den Einzeln auf Revanche. Lediglich Andreas Beck verlor sein Einzel gegen Thiemo de Bakker. 3:1-Führung, der Punktgewinn war sicher. Dass Halle mit dem deutschen und niederländischen Davis Cup-Doppel aufschlug, spielte den Mannheimern nicht in die Karten. Endstand 3:3. “Das ist so ziemlich das Beste, was man in der Liga an Doppeln an einem Spieltag aufstellen kann”, sagte Marzenell und weiter: “Ein 3:3 ging da völlig in Ordnung.” 5:1-Punkte also aus den ersten drei Spielen - es deutete auf eine gute Saison hin. Dann folgte das Saison-Highlight schlechthin: Derby gegen Weinheim, das zwar auf eigener Anlage ausgetragen wurde, aber ein Heimspiel für den fläsh TC Weinheim war. Marzenell: “Im Sinne der Zuschauer haben sich beide Vereine dazu entschieden.” Das Ergebnis gab Weinheim und Mannheim recht: 4500 Zuschauer strömten auf die Anlage am Neckarplatt. Das Derby war ein Anziehungsfaktor, der noch größere war jedoch die Anwesenheit eines Top 10-Spielers. Der French Open-Finalist Dominic Thiem spielte für Mannheim. Thiem: “Ich freue mich wahnsinnig hier zu sein. Wenn ich einen kleinen Teil zum Grün-Weiss-Erfolg beitragen kann, bin ich der glücklichste Mensch der Welt.” Gesagt, getan. Thiem schlug in einem spannenden und hochklassigen Spiel Weinheims Nummer eins John Millman. Am Ende verbuchte Mannheim den nächsten 5:1-Sieg, wie schon gegen Neuss und Düsseldorf.

“Das darauffolgende Wochenende wird uns allen in Erinnerung bleiben wegen der Hitze”, erinnert sich Marzenell. Freitagsspiel gegen Reutlingen. Auf dem Center Court wühlte sich unter anderem der dieses Jahr überragende Peter Gojowczyk bei knapp 40 Grad - und viel schlimmer noch: Windstille - durch den Sand. Am 6:0-Sieg änderte auch der Glutofen nichts - und der erfahrene Marzenell, der schon so viel gesehen und erlebt hat, gab zum ersten Mal ein Interview aus dem Pool heraus. Die Abkühlung half, denn zwei Tage darauf behielt Grün-Weiss in Aachen einen kühlen Kopf und gewann erneut vier Einzel. Dieses Mal aber alle (!) im Match-Tie-Break. Trainer Daniel Steinbrenner: “Das sind Spiele, mit denen du Meisterschaften gewinnst. Spätestens da war klar, dass bei uns einfach alles läuft.” Dass gleichzeitig am gesamten Wochenende die Konkurrenz schwächelte, trug den Rest dazu bei.

“Durch waren wir noch lange nicht, denn wir hatten mit Gladbach und Krefeld zwei harte Brocken vor uns”, erzählt Marzenell. Dass ihm dann mit Marterer, Federico Delbonis und Radu Albot gleich drei Top 100-Spieler zur Verfügung standen und Mannheim erneut alle vier Einzel gewann, passte zur Saison. Marzenell: “Ich bin unseren Spielern unendlich dankbar für die Bereitschaft und die unvergesslichen Momente in dieser Saison. Sie wollten einfach da sein, da musste ich nicht lange mit ihnen sprechen.” Nach dem 4:2-Sieg gegen Gladbach fuhr Marzenell Radu Albot nach Wiesbaden zu Bekannten. “Auf der Fahrt bat ich ihn darum, auch das letzte Wochenende für uns zu spielen”, so Marzenell. Albot überlegte nicht lange, kam und siegte Mannheim zur Meisterschaft. Der Rest verschwimmt in einer einzigen Party. Marzenell: “Dieser Titel ist das Werk einer unfassbar sympathischen, ehrgeizigen und harmonierenden Mannschaft. Chapeau!"

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Bild: HYP Yerlikaya Photography